Bridge&Tunnel designs society

Seit Mai letzten Jahres verbindet das Startup Bridge&Tunnel Soziales mit dem Unternehmertum und schafft so Möglichkeiten, benachteiligten Menschen in der freien Wirtschaft Fuß zu fassen. Die Fertigung der Kollektionen in Hamburg ist umweltschonend produziert, lokal hergestellt und nachhaltig. Jedes Produkt ist durch die Wiederverwertung von post-consumer-waste ein Unikat. Das Startup hat vor kurzem den Award als Digital Female Leader 2016 in der Kategorie ‘Change’ abgesahnt! Die Gründerinnen Constanze Klotz und Hanna Charlotte Erhorn haben mit uns über ihre Ideen und Projekte gesprochen.

 

Herzlichen Glückwunsch zum Digital Female Leader Award 2016, ihr beiden! Wunderbar, was ihr mit eurem Unternehmen seit diesem Jahr auf die Beine stellt. Wann kam euch eigentlich das erste mal die Idee zu Bridge&Tunnel?

Die Idee zu Bridge&Tunnel kam im wahrsten Sinne des Wortes zu uns: Seit 2013 leiten wir gemeinsam den Co-Working Space Stoffdeck, eine Gemeinschaftswerkstatt für Mode- und Textildesigner in Hamburg Wilhelmsburg. Dort können sich professionelle Designer, aber auch kreative DIYler unkompliziert einmieten.

Als wir irgendwann hörten, dass sich ein deutsch-türkischer Nähclub mit ihren Haushaltsnähmaschinen in einer Wilhelmsburger Moschee zum Nähen trifft, haben wir sie eingeladen, ihren Nähtreff bei uns im Stoffdeck zu machen. Und standen dann fassungslos daneben… Denn wir konnten live mit ansehen, was für Zauberhände viele der Frauen haben, obwohl fast alle noch nie in einem richtigen Job waren. Da war uns schlagartig klar: wir müssen diese beiden Welten vernähen. Und seitdem bringen wir professionelles Design und Menschen aus dem Stadtteil mit flinken Händen zusammen.

Mit Bridge&Tunnel fertigen wir also bewusst lokal und fair: inmitten Hamburgs, mit Menschen, die lange Zeit keinen Job finden konnten, aber tolle handwerkliche Fertigkeiten haben.

Für unser Design (Accessoires und Interior) verwenden wir post-consumer waste. Deshalb ist jedes Produkt ein Unikat. So verhelfen wir wertvollen Materialressourcen zu einem neuen Leben in style und hoffnungsvollen Talenten aus aller Welt zu einem erfüllenden Job mit Anerkennung. Eine Kombi, die rundum Spaß bringt!

Seit Dezember haben wir unser Team zudem erweitert: um Menschen mit Fluchtgeschichte, die aufgrund der aktuellen politischen Verhältnisse erst vor kurzer Zeit nach Deutschland gekommen sind. Die ersten beiden Praktikanten – beides Männer – haben am 1.Dezember bei uns angefangen.

Die beiden Gründerinnen Constanze Klotz und Hanna Charlotte Erhorn (Bild: Deutschland - Land der Ideen/ Benjamin Hüllenkremer)

Die beiden Gründerinnen Constanze Klotz und Hanna Charlotte Erhorn (Bild: Deutschland – Land der Ideen/ Benjamin Hüllenkremer)

Die Produktion der verschiedenen Kollektionen ist ja nur eine Facette eures Startups, denn ihr wollt benachteiligten Menschen eine Chance verschaffen, sich in der freien Wirtschaft zu orientieren. Wie funktioniert das?

In unserem Produktionsteam arbeiten aktuell 4 (zuvor Langzeitarbeitlose) Näherinnen und Näher, die gebürtig aus Indien, der Türkei und Afghanistan kommen. Angeleitet werden sie von 2 weiteren tollen Frauen, die ausgebildete Schneiderinnen oder Bekleidungstechnikerinnen sind. Zusätzlich sind die erwähnten 2 Praktikanten mit Fluchtgeschichte (aus Afghanistan und Iran) seit Dezember an Board.

Die Arbeit mit unserem Produktionsteam nimmt einen Großteil unserer Zeit ein. Da unsere NäherInnen im Kernteam fast allesamt ungelernt sind, investieren wir viel Zeit, die Menschen zu professionalisieren. Ihre Begleitung geht dabei oft über das Berufliche hinaus. So suchen wir für eine 5-köpfige Familie auch schon mal eine neue Wohnung oder erklären den Unterschied zwischen (Garn) „spulen“ und (Geschirr) „spülen“…

Wir merken jeden Tag aufs Neue, was es für die Frauen und Männer bedeutet, endlich einen eigenen Job zu haben und etwas zum Lebensunterhalt ihrer Familien beizusteuern. Die Wertschätzung, die sie durch ihre Arbeit bekommen, erfahren viele von ihnen das erste Mal in ihrem Leben.

Viele von uns können sich im Zeitalter von work-life-balance Überlegungen gar nicht vorstellen, was es bedeutet ganz ohne Arbeit zu sein. Und was es im Umkehrschluss bedeutet, welche zu haben. Denn wer arbeitet, lernt Menschen kennen. Und wer arbeitet, fühlt sich gebraucht.

Bei unseren Praktikanten mit Fluchtgeschichte geht es eher darum, sie mit einem deutschen Produktionsbetrieb bekannt zu machen und mit ihnen viel Deutsch zu sprechen. Leider werden wir die Praktikanten – so der aktuelle Stand – nicht in unser Kernteam übernehmen können, dazu haben wir als Start-Up (noch nicht) nicht die finanziellen Mittel. Wir sind aber sehr gut in Hamburg vernetzt und werden uns bemühen, sie an Designer oder andere Produktionsstätten zu vermitteln.

 

Was macht Bridge&Tunnel auf dem Up-Cycling Markt besonders?

Wir haben schon oft festgestellt, dass Upcycling ein etwas “basteliger” Charakter anhaftet. Das finden wir völlig unpassend und geben uns große Mühe, das Thema mit stylishen Endprodukten, denen man die Materialherkunft überhaupt nicht mehr ansieht, neu aufzuladen.

Unsere erste Kollektion entsteht aktuell aus recyceltem Denim. Sie umfasst verschiedene hochwertige Taschenmodelle (Rucksack, Weekender, Damentasche, Clutch, Laptopsleeve), sowie einen Teppich und Sitzmöbel für Kinder, der auch zum Yoga genutzt werden kann.

Für unsere Produkte verwenden wir hauptsächlich post-consumer waste, das sind Textilien, die schon einmal ein Leben hatten, bevor der Konsument sie entsorgt. Und Jeans gibt es endlos viele…

Unsere Produkte haben sehr klare Designs, aber raffinierte Schnitte, die mit Gegensätzen spielen: Altes wird zu Neuem, strenge Linien und verspielte Funktionen treffen aufeinander, zeitgemäße Produkte werden in traditioneller Handarbeit gefertigt.

Das wundervolle Team von Bridge&Tunnel (Bild: Bridge&Tunnel)

Das wundervolle Team von Bridge&Tunnel (Bild: Bridge&Tunnel)

Woher bezieht ihr eure Materialien?

Ein Großteil unserer Stoffe beziehen wir von Kleiderkammern. Wir kaufen die sog. Ausschussware auf, das sind Materialien, die auch für Ausgabestellen zu schlecht sind und sonst an den Verwerter gehen. Daraus entwickeln wir unsere Kollektionen dann neue Must­Haves. Durch die Besonderheit des Materials sind unsere Produkte serielle Unikate.

Seit kurzem arbeiten wir auch mit Hanseatic Help zusammen, die sehr erfolgreich gespendete Kleidung sammelt, sortiert und an Geflüchtete und andere Bedürftige in Hamburg verteilt. Bis auf ihre Ladenhüter: Neben Hochzeitskleidern und High Heels sind das v.a. Jeans in Übergröße, die aufgrund ihrer Größe keine neuen Abnehmer finden. Damit diese Materialschätze nicht länger ein trostloses Dasein im Lager fristen, haben wir uns zusammengetan und eine wunderbare “XXL-Partnerschaft” ins Leben gerufen.

Wir freuen uns zudem über eine sehr große Berichterstattung, die unser kleines Unternehmen nahezu von Anfang an begleitet. Mittlerweile kennen uns dadurch schon einige Leute und so erhalten wir mindestens 2 bis 3 Mal wöchentlich Pakete, in denen uns Privatpersonen ihre alten Jeans zukommen lassen. Verrückt.

 

Was sind, nach dem Award-Gewinn, eure konkreten Meilensteine für das nächste Jahr?

Momentan sind wir noch überwältigt von den zahllosen Möglichkeiten, die Denim als Material bietet. Da sind wir noch lange nicht am Ende unserer Inspiration! Seit kurzem bieten wir zum Beispiel die Option an, die eigenen alten Jeans einzuschicken, aus denen wir dann einen Rucksack oder Weekender – customized – fertigen.

Unsere Idee ist es, mit Bridge&Tunnel die Schönheit und Langlebigkeit von unterschiedlichen Reststoffen aufzuzeigen. Dazu möchten wir zukünftig mit wechselnden Materialien arbeiten und daraus verschiedene Endprodukte wie Accessoires und Interior Design fertigen. Die nächste Kollektion, die aus einem supertollen (aber noch geheimen) Material entsteht, erscheint im Frühjahr 2017.

Natürlich wäre es toll, auch unser Team zu vergrößern. Wir könnten uns zB vorstellen, neben unserer eigenen Linie zukünftig auch für andere Designer zu fertigen, denen ökologisches und soziales Engagement am Herzen liegt und die ein Interesse an fairer lokaler Fertigung haben. Es bleibt also in jedem Fall spannend.

So sollte ein Workspace aussehen! (Bild: Bridge&Tunnel)

So sollte ein Workspace aussehen! (Bild: Bridge&Tunnel)

Ihr zeigt, dass man Soziales und Erfolg wunderbar kombinieren kann. Habt ihr einen Ratschlag für Startups, die Ähnliches vorhaben?

Einfach machen und fest an seine Idee glauben. Starke Partner um sich sammeln und loslegen. Klingt ein wenig cheasy, ist aber so.

 

Danke für das Gespräch!

 

Bridge&Tunnel im Hamburg Startups Monitor

We design society. Bridge&Tunnel bringt professionelles Design und Menschen aus dem Stadtteil mit flinken Händen zusammen. Für sein Design verwendet das Social Design Label post-consumer waste. Deshalb ist jedes Produkt ein Unikat.

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  1. […] Burundi. Und die REIFENWECHSLER erledigen den Wechsel auf Winterreifen direkt vor Ort beim Kunden. bridge-and-tunnel, lycka, […]

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