Kreditech – mit Big Data international erfolgreich

Kaum ein Hamburger Startup ist international so bekannt und fand in den Medien so viel Beachtung wie Kreditech. Als prominenter Vertreter der deutschen Fintech-Szene darf das Unternehmen in unserem Fintech Dossier natürlich nicht fehlen. Wir waren bei Kreditech zu Besuch im achten Stock und haben nicht nur die tolle Aussicht genossen.

Das Hamburg Startups Fintech Dossier. Eine Serie über junge Unternehmen der Hamburger Fintech Szene

Das Hamburg Startups Fintech Dossier. Eine Serie über junge Unternehmen der Hamburger Fintech-Szene

Im Empfangsbereich von Kreditech steht ein großer Bildschirm, auf dem eine Weltkarte zu sehen ist. Dort blinkt alle paar Sekunden etwas auf, pulsierende Kreise, die ein Ereignis an einem bestimmten Ort signalisieren. Dabei handelt es sich auch in diesen Tagen nicht um Pokémonsichtungen, sondern um Kreditanträge und -auszahlungen. Logisch, denn das ist das wesentliche Geschäftsfeld, auf dem Hamburgs bekanntestes Fintech-Unternehmen aktiv ist.

Erste Erfahrungen im Bereich Trading

Dabei standen Kredite zuerst gar nicht im Fokus von Alexander Graubner-Müller, einem der Gründer von Kreditech. Studiert hat er BWL und Financial Econometrics, seine ersten Karriereschritte machte er bei bei einem Fondsanbieter. Dort war er an der Entwicklung eines Rechercheprogramms beteiligt und stellte dabei fest, welche Bedeutung die verschiedensten Webdaten für Prognosen beim Aktienhandel haben können.

Der Empfang mit extravaganter Blumenkreation

Der Empfang von Kreditech mit extravaganter Blumenkreation

Diese Erkenntnisse nutzte er bei der Gründung seines ersten Startups PredictX. Schon damals sein Partner war Sebastian Diemer, der sich mit ähnlichen Konzepten beschäftigt hatte. Ihre gemeinsame Geschäftsidee: Eine Art Börse für mögliche zukünftige Ereignisse, in deren Eintrittswahrscheinlichkeiten Anleger investieren sollten. Vereinfacht formuliert eine Art Wettplattform, nur mit höherem wissenschaftlichen Anspruch.

Über Rocket zum eigenen Startup

Ein dafür entwickelter Prototyp war schon ziemlich ausgefeilt, konnte aber Investoren nicht ganz überzeugen. Zumindest Oliver Samwer fand die Idee interessant und holte die beiden zu Rocket Internet. Dort kümmerten sie sich hauptsächlich um E-Commerce-Projekte in Asien und das Thema Zahlungsabwicklung. Dabei lernten sie, dass Kredite und das damit verbundene Scoring gerade in den Schwellenmärkten eine entscheidende Rolle spielen. Ein weiteres Aha-Erlebnis, das schließlich zur Entstehung von Kreditech führte.

2012 gründeten Alex und Sebastian das Startup, das die Kreditwürdigkeit anhand eines möglichst großen Datenpools ermitteln sollte. Um die 20.000 Daten werden dafür mittlerweile ausgewertet, auch aus den sozialen Medien. Die Kreditech-Algeorithmen lesen dabei natürlich nicht jeden Tweet und Post Wort für Wort. Vielmehr werden Informationen aus den verschiedenen Quellen abgeglichen, um festzustellen, ab sich daraus ein stimmiges Bild ergibt und nicht Selbstdarstellung und Wirklichkeit zu sehr voneinander abweichen.

Alexander Graubner-Müller, Mitgründer und CEO von Kreditech

Alexander Graubner-Müller, Mitgründer und CEO von Kreditech

Theoretisch klingt das gut, praktisch konnte Kreditech zu Beginn selbstverständlich nicht beweisen, dass das auch funktioniert. Die Banken, die ursprünglich als Kunden im Visier waren, zögerten den Vergleichstest zu machen. Also ging Kreditech selbst als Kreditvermittler an den Start, und da das deutsche Finanzregelwerk zu hohe Hürden aufstellt, zuerst in Polen und Spanien.

Risikominimierung durch Mikrokredite

Mehrere Business Angels konnten sich für das Geschäftsmodell begeistern und investierten eine sechsstellige Summe. Eine Menge Geld für ein Startup, doch nicht viel für ein Unternehmen, das Kredite vergeben möchte. Daher wurden als erste Kunden die „kleinen Leute“ angepeilt, die von klassischen Banken bisher nicht bedient wurden. Sie würden sich nur für geringere Beträge interessieren und bei einem Ausfall nicht gleich das ganze Geschäft zum Einsturz bringen.

Im Großraumbüro

Im Großraumbüro wird konzentriert gearbeitet.

„Banking the Underbanked“ lautete das Motto, und siehe da, es funktionierte tatsächlich. Die Ausfallquote war signifikant niedriger als bei herkömmlichen Scoringverfahren und ließ sich mit der Zeit noch weiter senken. Ständige Analyse der Daten und Optimierung der Algorithmen machten das möglich. Mit zunehmenden Erfolg musste sich Kreditech allerdings auch mit zunehmender Kritik auseinandersetzen. Ein Vorwurf lautete, das Unternehmen würde bei seiner Datensammelleidenschaft das Thema Datenschutz stiefmütterlich behandeln.

Heißes Thema Datenschutz

Kreditech hält dagegen, dass die Kunden wüssten, auf was sie sich einließen, und sie könnten selbst bestimmen, ob sie ihre Daten zur Verfügung stellten. Auch würden die Informationen nur für die konkrete Kreditanfrage genutzt und im Falle der Ablehnung umgehend wieder gelöscht. Wenn ein Kunde zu einem späteren Zeitpunkt einen neuen Versuch macht, fängt er wieder mit einer weißen Weste an. Zudem werden die Daten nicht an Dritte weitergeben. „Was wir machen, ist wesentlich fortschrittlicher als das, was andere Kreditinstitute machen“, versichert Alexander Graubner-Müller.

Beim Meeting

Irgendwo findet bei Kreditech fast immer ein Meeting statt; die Räume dafür sind nach berühmten Gründern benannt.

Nächster Kritikpunkt: die hohen Zinsen. Die liegen je nach Ausfallwahrscheinlichkeit zwischen 12 % pro Jahr und 30 % pro Monat. Definiert wird die Wahrscheinlichkeit über die Faktoren „Willingness“ und „Ability“, jeweils bezogen auf das Rückzahlverhalten. Womit wir wieder bei den Einfluss der Daten wären. Der ist im Einzelfall gar nicht so groß, mehr als 3 % kann er allerhöchstens pro Kriterium betragen. Nur an einem schrägen Facebook-Profil kann also eine bestimmte Einstufung nicht liegen.

Ungeachtet aller vor allem in Deutschland geäußerten Vorbehalte wächst Kreditech von 2012 bis 2015 jeweils dreistellig, es kommen Russland, die Tschechische Republik und Mexiko als Märkte hinzu. Begleitet wird der Erfolg von internen Wachstumsschmerzen. Berichte über ein schlechtes Betriebsklima machen die Runde, und über eine hohe Personalfluktuation. Im Mittelpunkt steht dabei meist Sebastian Diemer, so dass sein Ausstieg bei Kreditech im November 2015 von vielen als Paukenschlag empfunden wird. In der Nachbetrachtung stellt sich der Schritt als weniger dramatisch dar. Sebastian interessiert sich in erster Linie für den Aufbau von Startups, für deren Frühphase. Nachdem sich Kreditech etabliert hatte, war es Zeit für ihn, etwas Neues zu wagen.

Kreditech ist ein Liebling der Investoren

Mittlerweile ist es im positiven Sinne ruhiger geworden um Kreditech. Investoren haben sich von den Schlagzeilen sowieso nie abschrecken lassen. Kontinuierlich versorgten sie das Fintech-Unternehmen mit immer größeren Finanzierungsrunden. Nach dem schon erwähnten Seed-Investment durch die Business Angels gab es Ende 2012, 2014 und zuletzt im Herbst 2015 Geld. Die über 82 Millionen Euro aus der letzten Runde stockte die zur Weltbank IFC gehörende im Frühjahr 2016 noch einmal um 10 Millionen auf. Damit reiht sie sich ein bei so illustren Namen wie Blumberg Capital. J. C. Flowers und Peter Thiel.

Beim Tischtennis

Entspannung finden die Mitarbeiter zum Beispiel beim Tischtennis.

Gebraucht wird das Geld für die Erweiterung der Angebote, zu denen schon eine Kreditkarte gehören und Direktintegrationen in Onlineshops. Käufer können dort als Bezahlvariante einen Kreditech-Kredit wählen. Auch die Übernahme von Kontomatik, quasi das polnische figo, hat das Geschäftsfeld erweitert. Mittlerweile hat Kreditech 300 Mitarbeiter aus 40 Nationen, davon 130 in den Ländern, in denen Kredite vergeben werden, und in einem Callcenter in Rumänien. Dazu 170 in Hamburg, das Hauptstandort bleiben wird. In unserem Jobboard ist zu sehen, welche Stellen bei Kreditech gerade frei sind.

Alle aktuellen Jobs bei Kreditech

Zum Abschluss noch ein paar Worte von Alexander zum Fintech-Standort Hamburg. Er selbst stammt ursprünglich aus Wiesbaden und kam mit Kreditech in den Norden, da die ersten Investoren, unter ihnen Bigpoint-Gründer Heiko Hubertz, aus der Hansestadt kommen. „Hamburg hat als Fintech-Standort viel zu bieten“, ist er überzeugt. An der Außendarstellung hapere es zwar, aber „tolle Unternehmen“ gebe es genug. Dem können wir nur zustimmen!

Fintechs made in Hamburg – unser Hamburg Startups Dossier

Um dem Fintech-Standort Hamburg ein wenig besser kennen zu lernen, hat Hamburg Startups gemeinsam mit den Partnern comdirect bank AG, der Sutor Bank und der Ginkgo Management Consulting das Hamburg Startups Fintech-Dossier ins Leben gerufen.

Der Sommer 2016 steht somit ganz im Zeichen der Finanzbranche: Mit spannenden Insights in das Hamburger Fintech-Ökosystem, Portaits- und Interviewreihen sowie interessanten Gastbeiträgen unserer hiesigen Fintech-Experten.

Fintech in Hamburg – eine Einführung

Between the Towers machte Appetit auf Fintech

Das ist die Hamburger Fintech-Szene – Gastbeitrag von Carolin Neumann

FinGym – Fitness für die Finanzmuskeln

Die Bedeutung der PSD2 – Gastbeitrag von Cornelia Schwertner

Zinsland demokratisiert Immobilieninvestments

Financial Services Under Fire – Gastbeitrag von Daniel Dede

Deposit Solutions auf dem Höhenflug

 

 

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