VitaSeq geht neue Wege bei der Alzheimer-Bekämpfung
Alzheimer ist eine Volkskrankheit, und zwar eine besonders heimtückische, denn bisher ist sie nicht heilbar. Aber vielleicht lässt sich ihr Ausbruch verhindern, wenn eine Veranlagung frühzeitig erkannt wird. Diesen Ansatz verfolgt zumindest das Startup VitaSeq, das ein Testverfahren entwickelt hat, welches herkömmlichen Methoden überlegen ist.
In Deutschland geht man von mehr als 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung aus, also einer erheblichen Einschränkung der geistigen Fähigkeiten. Die Zahlen werden in den kommenden Jahren sicherlich noch steigen, denn von Demenz betroffen sind überwiegend ältere Menschen und unsere Gesellschaft altert bekanntlich rapide. Die häufigste Form ist Alzheimer, erstmals Anfang des 20. Jahrhundert von dem namensgebenden deutschen Arzt Alois Alzheimer diagnostiziert. Damals ließ sich die Erkrankung erst nach dem Tod der Betroffenen zweifelsfrei identifizieren, heute gibt es Testverfahren auch für Lebende, die aber relativ aufwendig und nicht völlig fehlerfrei sind.
Eine Gründerin mit hoher wissenschaftlicher Expertise
Die größte Herausforderung für die Medizin ist aber die Tatsache, dass Alzheimer bisher nicht heilbar ist. Einmal erkrankt, gibt es kein Zurück mehr; durch eine Therapie kann höchstens der Verfallsprozess verlangsamt werden. Komplex ist auch die Beantwortung der Frage, welche die entscheidenden Auslöser für den Ausbruch der Krankheit sind. Hier kommt eine Reihe von Faktoren zusammen, von der erblichen Vorbelastung über Umwelteinflüsse bis hin zu persönlichen Verhaltensweisen. Ein Startup, das in diesem Umfeld eine seriöse Lösung anbieten will, muss also hohe wissenschaftliche Kompetenz vorweisen können. Die ist bei VitaSeq definitiv vorhanden.

Die Gründerin von VitaSeq, Dr. Sanaz Bahari Javan, hat von 2003 bis 2008 Biochemie und Molekularbiologie an der Uni Hamburg studiert. Nach ihrer Promotion forschte sie am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Göttingen sowie als Postdoktorandin in Harvard. Ihr Spezialgebiet ist die Epigenetik, die vererbbare Änderungen in der Genfunktionen untersucht, die ohne Änderung der DNA-Sequenz ablaufen. Äußere Einflüsse wie Stress oder Ernährung können bestimmte Gene quasi an- oder ausschalten. So geht man beispielsweise davon aus, dass Nachkommen von Menschen, die von der großen Hungersnot in Irland Mitte des 19. Jahrhunderts betroffen waren, vermehrt unter Fettleibigkeit leiden. Ihnen wurde epigenetisch vererbt, auch mit einer nährstoffarmen Ernährung zu überleben, sodass sie mit einer nährstoffreichen Ernährung überfordert sind.
VitaSeq setzt bei seinen Tests auf microRNA
Auch bei der Frage, ob jemand an Alzheimer erkrankt oder nicht, spielen epigenetische Faktoren offensichtlich eine große Rolle. Dementsprechend beschäftigte sich Sanaz bei ihrer Forschungsarbeit intensiv mit dem Thema. Alzheimer wird heute in der Praxis nicht mit einem einzelnen Test diagnostiziert. Stattdessen kommt eine Kombination aus Gesprächen, Gedächtnistests, Bildgebung und oft auch einer Untersuchung des Nervenwassers zum Einsatz. Diese Verfahren sind aufwendig, teuer und werden meist erst angewendet, wenn bereits deutliche Gedächtnisprobleme bestehen. In den letzten Jahren wurden zwar erste Bluttests entwickelt, die typische Alzheimer-Proteine messen. Diese Tests sollen die Diagnostik vereinfachen, zeigen in der Anwendung jedoch Schwächen. So berichteten Studien von vielen falsch-positiven Ergebnissen, sodass weiterhin zusätzliche Untersuchungen nötig waren. Ein Grund dafür ist, dass einzelne Proteine im Blut schwer stabil messbar sind.
Grundsätzlich messen diese Tests vor allem Ablagerungen im Gehirn, nicht aber, wie gut das Gehirn tatsächlich funktioniert. Viele Menschen zeigen solche Ablagerungen, ohne über lange Zeit krank zu werden. Die Tests können daher oft nicht zuverlässig sagen, wer wirklich erkrankt, wann Symptome beginnen oder wie schnell sich der Zustand verschlechtert. VitaSeq geht einen anderen Weg. Hier fokussiert sich die Analyse auf microRNA. Dieser Teil des Erbguts ist erst seit 1993 bekannt und spielt eine wichtige Rolle bei der Genregulation. Der Nachweis von für die Gehirnfunktion relevanter microRNA liefert zuverlässigere Ergebnisse als andere Verfahren und gibt genauere Auskunft über die tatsächliche geistige Leistungsfähigkeit. Veränderungen lassen sich sehr frühzeitig erkennen, in Idealfall vor Ausbruch der Krankheit, sodass vorbeugende Maßnahmen oder neue Therapien noch sinnvoll sein können.

Neueste Entwicklungen machen Kommerzialisierung möglich
Eine kommerzielle Nutzung dieser Erkenntnisse war zunächst nicht absehbar, weshalb Sanaz 2015 die Forschung verließ und in die freie Wirtschaft ging. In führenden Pharmaunternehmen erfuhr sie, wie sich wissenschaftliche Theorie und unternehmerische Praxis verbinden lassen, was ihr bei VitaSeq sicherlich zugutekommt. Die Idee zu gründen keimte, als 2023 mit Leqembi ein vielversprechendes Alzheimer-Medikament in den USA auf den Markt kam. Seit September 2025 ist es auch in Deutschland zugelassen. Auch Leqembi kann keine Heilung bewirken, aber das Medikament sorgte für viel Bewegung in einem Markt, der sicherlich noch wirksamere Präparate hervorbringen wird. Umso wichtiger werden auch zuverlässige Tests, wie VitaSeq sie entwickelt.
Deren Wirksamkeit ist durch die sogenannte DELCODE-Studie des DZNE grundsätzlich belegt, was die Zulassung als Medizinprodukt beschleunigen sollte; angestrebt wird das Jahr 2028. Die Wartezeit will VitaSeq mit einem Testkit für die allgemeine kognitive Gesundheit überbrücken. Ein einfacher Bluttest gibt Auskunft über die geistige Fitness. Tipps, wie diese zu steigern sei, etwa durch Umstellung der Ernährung oder mehr Bewegung, ergänzen das geplante Angebot.
Sanaz hat sich auf ihre Startup-Reise nicht allein gemacht. Als Mitgründer an Bord sind der Business Angel Torge Thönessen und Nico Poma, der unter anderem für Rocket Internet gearbeitet hat. Beratend tätig sind Prof. Andre Fischer und Dr. Farahnaz Sananbenesi vom DZNE und daher mit der Thematik bestens vertraut. Schließlich wollen wir Christopher Graf nicht unerwähnt lassen, der für das Marketing zuständig und seit vielen Jahren als freiberuflicher Grafiker ein unverzichtbares Mitglied des Teams von Hamburg Startups ist. Es sei uns also verziehen, dass wir VitaSeq noch ein kleines bisschen mehr die Daumen drücken als anderen Startups!






